Identitti von Mithu Melanie Sanyal:
Zusammenfassung der Diskussion
1. Bewertung
des Buches (0-10 Punkte)
Die Bewertungen lagen zwischen 7 und 9 Punkten. Die hohen Punkte wurden
für die intelligente, reflektierte und thematisch relevante Aufarbeitung von
Race, Identität und Migration vergeben. Das Buch wurde als „erfrischend“ und
„sehr schlau geschrieben“ gelobt, da es den aktuellen Diskurs sowohl aufgreife
als auch kritisiere. Abzüge gab es primär für stellenweise als unglaubwürdig
oder abrupt empfundene Handlungsstränge (z.B. der lange Aufenthalt der
Protagonistin bei der Professorin) und – als Hauptkritikpunkt – für den
Sprachstil.
2. Zur
Sprache des Buches
Die Sprache war ein kontroverses Diskussionsthema. Sie wurde als sehr modern, jugendlich
und geprägt von Internet-Slang, Anglizismen („Denglisch“) und Fachbegriffen aus
postkolonialen Theorien beschrieben. Während einige
dies als authentischen Einblick in die Lebenswelt einer jungen, digitalen
Protagonistin und in die Welt des Internet-Aktivismus sahen, stieß der Mix bei
anderen auf Ablehnung. Er wurde als „schwierig“, störend für den Lesefluss und
als Auslöser eines Gefühls der Distanz („ich fühle mich wie ein Dinosaurier“)
empfunden. Die bewusste und thematisch passende Wahl dieses Sprachstils durch
die Autorin wurde jedoch anerkannt.
3. Die Figur
Priti – die „englische
Version“ von Nivedita?
Priti, die in England lebende Cousine, wird überwiegend als Spiegelbild und
Vorbild für Nivedita gesehen. Sie verkörpert eine eindeutige,
selbstbewusste und gefestigte Identität, nach der
Nivedita sich sehnt. Im Gegensatz zu Nivedita ist Priti in einer großen,
unterstützenden indischen Community verwurzelt. Damit symbolisiert sie
eine mögliche, positive Identitätslösung und dient
gleichzeitig dazu, Themen wie Neid, Konkurrenz und das Vergleichen unter jungen
Frauen zu thematisieren.
4.
Lieblingsfigur
Die Meinungen gingen hier auseinander:
·
Kali, die (Hindu-)Göttin,
wurde von mehreren als faszinierende, ironische und provokante spirituelle
Begleiterin Niveditas genannt.
·
Saraswati, die Professorin,
wurde als rätselhafteste und interessanteste Figur bezeichnet.
Ihre Motivation für kulturelle Aneignung und ihre kalkulierte, charismatische
Art sorgten für viel Gesprächsstoff und machten sie zur zentralen Konfliktfigur.
·
Nivedita selbst war für
einige die Lieblingsfigur, da die Geschichte aus ihrer persönlichen und
emotionalen Perspektive erzählt wird.
·
Priti wurde
ebenfalls aufgrund ihrer Stärke und Selbstbestimmtheit als Lieblingsfigur
genannt.
5. Die Rolle
von Simon, Niveditas Freund
Simon wurde als kontrastierende und teilweise nervige Figur wahrgenommen.
Er scheint eine einfache, deutsche Identität ohne die hybriden Konflikte
Niveditas zu besitzen. Kritisch wurde angemerkt, dass er sich in den
Diskussionen kaum für Niveditas Kämpfe einsetzt und die Beziehung für sie
dadurch eine weitere Quelle der Verunsicherung und des „Hin und Her“ in ihrer
Identitätssuche darstellen könnte.
6.
Deckungsgleichheit von digitaler und realer Identität?
Die Teilnehmer*innen waren sich einig, dass Niveditas digitale Identität (in
ihrem Blog) nicht mit ihrer realen Identität übereinstimmt.
Online ist sie selbstbewusster, politisch klarer positioniert und
provokativer. Die Göttin Kali dient ihr im digitalen Raum als
kraftvolle innere Stimme und eine Art „Therapeutin“. Diese Diskrepanz zeigt
den Schutz- und Experimentierraum des Internets,
verdeutlicht aber auch die Spannung zwischen einer öffentlichen, starken
Persona und privater Verunsicherung.
7. Ist
Niveditas Identitätssuche ein Extremfall?
Die Diskussion zeigte, dass die Einschätzung stark vom persönlichen Umfeld
abhängt. Einige Teilnehmer*innen mit multikulturellem Hintergrund fanden
Niveditas intensive Krise übertrieben oder extrem, da sie in ihrem
eigenen, diversen Freundeskreis (z.B. in Städten wie Bonn) solch existenzielle
Krisen seltener beobachten.
Andere betonten, wie sehr Faktoren wie Alter,
geografische Lage (multikulturelle Stadt vs. homogenes Dorf), das Vorhandensein
einer Community und äußerlich sichtbare Merkmale wie Hautfarbe die
individuelle Erfahrung prägen. Es wurde festgehalten, dass es keine universelle
„richtige“ Erfahrung gibt, sondern dass Niveditas
Geschichte eine von vielen möglichen, aber durchaus realen Realitäten
darstellt.
8. Exkurs:
Barack Obama als reales Beispiel
Die Gruppe zog eine bedeutende Parallele zwischen der fiktiven Figur Nivedita
und dem realen Beispiel Barack Obama. Diese Diskussion vertiefte
das Verständnis der zentralen Themen:
·
Strukturelle Infragestellung: Auch
Obama, eine Person an der Spitze der Gesellschaft, sah sich mit Zweifeln an
seiner authentischen Zugehörigkeit („Birther“-Bewegung) und der „Echtheit“
seiner Identität als Schwarzer Amerikaner konfrontiert.
·
Anfechtung selbst innerhalb von Gruppen: Es
wurde das Argument diskutiert, Obama habe die „typisch amerikanische“ Erfahrung
der Sklaverei und Diskriminierung nicht in gleichem Maße geteilt – ein Beispiel
dafür, wie Identität selbst innerhalb marginalisierter Gruppen konstruiert und
angefochten werden kann.
·
Übertragung auf den Roman: Dieses
Beispiel unterstrich, dass die im Buch gezeigte anhaltende
Erschütterung und Anfechtung von Identität kein seltenes
oder rein persönliches Problem ist, sondern eine machtvolle
gesellschaftliche Dynamik. Niveditas Kampf erscheint dadurch
weniger als individueller Extremfall, sondern als Teil eines breiten Musters,
das Menschen mit hybriden oder marginalisierten Hintergründen betrifft –
unabhängig von ihrem Erfolg.
Fazit der
Diskussion: Das Buch wurde insgesamt als wichtiger, anregender und gut
recherchierter Beitrag zu den Themen Identität, Migration und Rassismus
geschätzt, auch wenn der Sprachstil nicht allen zugänglich war. Die Diskussion
bewegte sich von einer Analyse der Charaktere und der Erzählweise hin zu einer
breiteren Reflexion über die gesellschaftlichen Mechanismen, die
Identitätskrisen hervorrufen und verstärken können.

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