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Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarques

 

Zusammenfassung der Buchclub-Diskussion zu "Im Westen nichts Neues"



Die Diskussionsteilnehmer tauschen sich intensiv über Erich Maria Remarques Roman "Im Westen nichts Neues" aus. Das Gespräch ist sehr persönlich geprägt und verbindet die Analyse des Buches mit eigenen Familienerinnerungen, historischen Reflexionen und Bezügen zur Gegenwart.

1. Persönliche Zugänge und erste Eindrücke

·        Familiäre Verbindungen: Eine Teilnehmerin berichtet, dass der Autor für ihre Großeltern-Generation (die um 1900 Geborenen) ein "ganz wichtiger Schriftsteller" war. Sie betont, wie sehr die Sprache und die Ausdrücke des Buches sie an ihre Kindheit erinnern. Diese Begriffe seien durch die heimkehrenden Soldaten ins "nationale Gedächtnis" übergegangen und sogar von Frauen verwendet worden, die selbst nicht im Krieg waren.

·        Emotionale Wirkung: Das Buch hat alle Teilnehmer tief bewegt. Es wird als "unglaublich mitnehmend", "schockierend" und "erschütternd" beschrieben. Besonders die Sinnlosigkeit des Sterbens junger Menschen und die drastischen Beschreibungen des Grauens hinterlassen einen starken Eindruck.

·        Vergleich mit anderen Werken: Es wird kurz auf ein Buch über den Autor verwiesen, das gerade gelesen wird, um mehr über Remarque zu erfahren. Auch Antoine de Saint-Exupérys Werk wird als bedeutende Anti-Kriegs-Literatur aus französischer Perspektive erwähnt.

2. Literarische Bewertung und Stil

·        Sprache und Lesbarkeit: Die Sprache des Buches wird als "sehr schlicht" beschrieben. Die Teilnehmer sind sich einig, dass dies aber absolut sinnvoll und wichtig ist, um die Geschichte glaubwürdig zu erzählen und für alle Leserschichten zugänglich zu machen. Eine komplexere Sprache würde nicht zum jungen, ungebildeten Protagonisten Paul passen. Trotz der Einfachheit wird das Buch als "von Beginn an sehr fesselnd" und "sehr lesbar" bewertet. Die Monotonie des Schreckens wird als Stilmittel erkannt, das aber nicht langweilig wirkt.

·        Erzählperspektive und Authentizität: Es entsteht eine Diskussion darüber, ob ein 20-jähriger Soldat tatsächlich mit so viel "Weisheit" und Reflexion erzählen könne. Eine Teilnehmerin findet hier einen "Gap". Andere entgegnen, dass der Krieg einen schnell altern lasse und Paul ja bereits ein Jahr Fronterfahrung habe. Zudem wird darauf hingewiesen, dass Remarque das Buch nicht unmittelbar nach Kriegsende, sondern erst etwa zehn Jahre später schrieb und es eine bewusste literarische Verarbeitung sei. Die Kritik an seiner fehlenden Authentizität wird als Teil der Nazi-Propaganda erwähnt.

·        Aufbau und Ende: Das Ende des Buches wird als eines der "größten Buch-Enden aller Zeiten" bezeichnet. Diese Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit am Ende unterstreicht die vollständige Verrohung und Abstumpfung.

3. Zentrale Themen und Motive

·        Sinnlosigkeit des Krieges: Das Hauptthema des Buches ist für alle die absolute Sinnlosigkeit des Kriegs. Diese wird als universell und auf heutige Kriege (Ukraine) übertragbar angesehen. Die Szene, in der die Soldaten reflektieren, dass man den Krieg doch einfach zwischen den Generälen austragen solle, wird als besonders bezeichnend hervorgehoben.

·        Kameradschaft: Die Kameradschaft wird als überlebenswichtig und als eine Form der "echten Freundschaft" oder sogar "Liebe" (nicht romantisch) beschrieben. Sie ist der einzige Halt in der Sinnlosigkeit und steht im krassen Gegensatz zur Isolation, die der Protagonist im Heimaturlaub erfährt. Der Abschied von und der Tod von Kameraden (wie Kat) werden als "herzzerreißend" empfunden. Ein Teilnehmer zieht einen Vergleich zu Nachkriegsgeschichten (z.B. von Borchert), in denen die Kameradschaft manchmal von Misstrauen, etwa ums Essen, überschattet wird – ein Aspekt, der in Remarques Buch so nicht vorkommt, wo das Teilen im Vordergrund steht.

·        Der Feind: Eine intensive Diskussion entsteht um die Frage "Wer ist der Feind?" Die Teilnehmer sind sich einig, dass es nicht die französischen  Soldaten sind. Diese werden als Leidensgenossen dargestellt, die "genau die gleichen Anweisungen" haben. Der Feind ist abstrakt: der Kaiser, ein "Gremium", der Hunger, der Tod, die Umstände. Die Gewalt erscheint oft anonym, "wie das Wetter", und nicht als Akt eines persönlichen Feindes. Dies wird als klare Anti-Kriegs-Botschaft verstanden.

·        Täterschaft und Schuld: Eine Teilnehmerin wirft die Frage auf, warum Pauls eigene Gewalttätigkeit so wenig explizit beschrieben wird, während die seiner Kameraden (Schädel spalten) durchaus grafisch dargestellt wird. Die Gruppe diskutiert, ob dies dazu dient, den Protagonisten "sympathischer" zu machen oder ihn nicht als "Mörder" dastehen zu lassen. Die Erklärung wird darin gesehen, dass der Fokus des Buches auf dem "übergeordneten Leid" und der psychischen Zerrüttung liegt, nicht auf der individuellen Schuld. Ein Soldat sieht sich nicht als Mörder, sondern als Verteidiger. Zudem wird auf Remarques Vorwort verwiesen: "Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein." Es geht ums Zeigen, nicht ums Anklagen.

·        Identität und Zukunftslosigkeit: Die "Zukunftslosigkeit" der jungen Soldaten wird als "erschütternd" empfunden. Sie haben keinen Beruf, keine Perspektive und sind durch den Krieg gealtert, aber ohne Identität. Dies wird vor dem Hintergrund der damaligen Zeit diskutiert, in der der Beruf zentral für die männliche Identität war. Im Gegensatz zu älteren Generationen, die in ein "richtiges Leben" zurückkehren konnten, haben die jungen Soldaten nichts, worauf sie aufbauen können.

·        Heimatfront vs. Front: Die Szene von Pauls Heimaturlaub, in der sein alter Direktor und andere "Armchair Generals" ihm erklären, wie der Krieg zu gewinnen sei, wird als besonders treffend und wütend machend beschrieben. Das Unverständnis der Daheimgebliebenen und deren Heldenerwartungen kontrastieren scharf mit der Realität des Schützengrabens. Dies führt zu einer "aktiven Entscheidung" vieler Veteranen, nicht über das Erlebte zu sprechen, um das Grauen nicht wieder Wirklichkeit werden zu lassen.

4. Historische Einordnung und Gegenwartsbezüge

·        Trauma und Nachkriegszeit: Die Teilnehmer teilen viele persönliche Erinnerungen an die Kriegsgeneration: den Großvater, der nie ein Wort über den Krieg verlor; den Nachbarn, der bei Dunkelheit Panik bekam und schrie ("Shellshock", "Zitterkrankheiten"); die Tante, die als Ordensschwester an der Front war; die Onkel mit Prothesen und Kriegsversehrungen. Es wird deutlich, wie präsent die Traumata im Alltag der Nachkriegszeit waren, auch wenn nicht offen darüber gesprochen wurde. Die "Melancholie und Depressionen" sowie die hohe Suizidrate unter Veteranen (z.B. nach Vietnam) werden thematisiert.

·        Weimarer Republik und Aufstieg der Nazis: Die Lektüre des Buches und des Films hat bei einem Teilnehmer dazu geführt, sich intensiver mit der Zwischenkriegszeit zu beschäftigen (ZDF-Doku "Weg zur Diktatur"). Es werden Parallelen zur heutigen Zeit gezogen: die vielen Parteien, die Unzufriedenheit, das Aufkommen rechter Strömungen (AfD). Die Frage, warum Menschen trotz der schrecklichen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs nur wenige Jahre später wieder "mit Begeisterung in den Krieg rennen" konnten, bleibt im Raum stehen. Die Diskussion berührt die Dolchstoßlegende, den Versailler Vertrag und die darauffolgende Wirtschaftskrise als Nährboden für den Nationalsozialismus.

·        Aktualität und Wehrpflicht: Das Buch löst bei den Teilnehmern intensive Gedanken über die Gegenwart aus. Die Situation in der Ukraine (Stellungskrieg, Unterstände, Gasmaske, getötete Soldaten) wird mehrfach als schreckliche Bestätigung der zeitlosen Gültigkeit des Buches angeführt. Die Diskussion um die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland führt zu der Frage: "Wird dieses Buch in der Schule gelesen?" Die Vermutung ist, dass es nicht mehr zum festen Kanon gehört, obwohl es früher oft Pflichtlektüre war.

5. Der Film (2022)

·        Vergleich mit dem Buch: Diejenigen, die die neue Verfilmung gesehen haben, finden sie "sehr sehenswert", "schockierend" und "cinematographisch beeindruckend". Die Bilder und die Musik werden gelobt.

·        Unterschiede: Im Vergleich zum Buch kommt der Film jedoch anders rüber. Er spannt einen größeren Bogen, indem er auch die Friedensverhandlungen und die Heimatfront zeigt. Die Intensität der zwischenmenschlichen Beziehungen, der Reflexionen und der spezifischen Gespräche (z.B. über die Sinnlosigkeit) kommen im Buch nach Meinung der Teilnehmer "deutlich besser" zur Geltung.

 

Sehenswerte Doku im Anschluss an das Buch von Remarque

https://www.zdf.de/dokus/zdfinfo-countdown-zur-diktatur-100

 

Nächste Terminen

27.03.2026 Corpus Delicti von Juli Zeh

24.04.2026 Faust der Tragödie erster Teil von Johann Wolfgang von Goethe

 

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