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Corpus Delicti von Juli Zeh

 

Zusammenfassung der Buchclub-Diskussion: Corpus Delicti von Juli Zeh



Allgemeine Eindrücke und Bewertungen

Die Diskussion über Corpus Delicti fiel sehr kontrovers aus, war aber durchweg engagiert. Die Meinungen der Teilnehmer*innen gingen weit auseinander – von Begeisterung bis zu deutlicher Kritik.

  • Bewertungen: Auf einer Skala von 0 bis 10 vergaben die Mitglieder Bewertungen zwischen 6 und 9.
  • Positive Aspekte: Das Buch wurde als "Page-Turner" und "wirklich tolles Buch" gelobt. Besonders die dystopische Thematik und die überraschenden Wendungen in der Handlung kamen gut an. Eine Teilnehmerin sagte, sie sei "wirklich sehr beeindruckt" gewesen und werde nun ein weiteres Buch von Juli Zeh lesen.
  • Negative Aspekte: Die Hauptkritikpunkte waren der Schreibstil ("kalt und leer", "Tell-don't-show") und die als oberflächlich empfundenen Charaktere. Eine Teilnehmerin sagte, das Buch habe sie "überhaupt nicht abgeholt".

Die Herkunft des Buches (Theaterstück vs. Roman)

Ein zentraler Diskussionspunkt war die Entstehungsgeschichte des Buches.

  • Theaterstück als Vorlage: Mehrere Teilnehmer*innen wussten, dass Corpus Delicti zuerst ein Theaterstück war und dann als Roman veröffentlicht wurde.
  • Erklärung für Kritikpunkte: Diese Herkunft wurde als Erklärung für den als "kalt" empfundenen Stil, die vielen Dialoge und die wenigen Schauplätze angeführt. Eine Teilnehmerin argumentierte, dass die "Farblosigkeit" sogar thematisch zur "farblosen Welt" der Diktatur passe. Eine andere hingegen fand, das Buch hätte besser ein Theaterstück bleiben sollen.

Die zentralen Themen und der Realitätsbezug

Der Großteil der Diskussion drehte sich um die inhaltlichen Themen und ihre erschreckende Aktualität, insbesondere nach der COVID-19-Pandemie.

  • Die "Gesundheitsdiktatur" (Die METHODE): Die Gruppe diskutierte ausführlich, wie der Staat im Roman Gesundheit als Vorwand für totale Überwachung und Kontrolle nutzt. Der Staat schreibt vor, was gegessen, getrunken und wie Sport getrieben wird. Abweichler werden kriminalisiert.
  • Post-Covid-Parallelen: Viele Teilnehmer*innen fanden, dass das Buch (Original 2009) erschreckend prophetisch ist.
    • Eine Teilnehmerin berichtete aus erster Hand von Chinas "grünen Codes" , Gesundheits-Apps und der Überwachung durch "weiße Männer" von den Gesundheitsämtern.  "Für mich ist das wirklich kein Roman, kein Sci-Fi. Es ist Realität."
    • Ein anderes Mitglied berichtete von absurden Corona-Regeln in Deutschland, wie einem Bußgeld für eine Familie, die zu dritt auf einer Picknickdecke saß.
    • Es wurde die Frage aufgeworfen, ob Impfpflichten, Zuckersteuer oder Rauchverbote nicht die gleiche "sanfte" Einstiegsdroge in eine Gesundheitsdiktatur sein könnten. Ein Teilnehmer argumentierte jedoch, dass moderate staatliche Eingriffe (wie bei Masernimpfungen) durchaus sinnvoll sein können und nicht gleich zu Extremen führen.
  • Die Figur des Kramers (Journalist/Drahtzieher): Kramer wurde nicht als einfacher Schurke gesehen, sondern als "Kontrolleur für den Staat" aus tiefer Überzeugung. Die Gruppe war sich einig, dass er den Tod von Mias Bruder von Anfang an kannte und sich bewusst in Mias Leben platziert hat, um eine "nützliche Geschichte" für den Staat zu spinnen. Er wurde als der am besten ausgearbeitete Charakter des Buches beschrieben.
  • Die "Ideale Geliebte": Diese Figur (der Geist des toten Bruders) sorgte für Verwirrung.
    • Was ist sie? Ein Geist? Eine Wahnvorstellung? Eine innere Stimme? Ein Theater-Trick?
    • Ihre Funktion: Die Gruppe einigte sich darauf, dass sie ein "Katalysator für Veränderung" ist. Sie ist Mias innerer Konflikt, der zum Leben erweckt wird. Sie verschwindet, als ihre "Mission erfüllt" ist – nämlich als Mia ihre Wandlung vollzogen hat. Eine Teilnehmerin fasste zusammen: "Sie ist eine Art Systemantenne."
  • Körper vs. Geist: Eine Teilnehmerin brachte einen interessanten kulturellen Unterschied ein. Sie sagte, in China glaube man, dass körperliche und geistige Gesundheit zusammenhängen. Im Buch sei das Gegenteil der Fall: Die Menschen sind körperlich topfit, aber geistig "nicht gesund" – sie seien einem "Brainwash" unterzogen und könnten nicht frei denken.

Kritik am Buch (Literarische Mängel)

  • Sprache und Stil: Mehrere Teilnehmer*innen störten sich an der Sprache. Sie fanden sie "verklemmt", "steif" und unpassend, besonders für den rebellischen Bruder. Der Satz "Sie beherrschte die Tröte" wurde als absurd lächerlich gemacht.
  • Oberflächliche Charaktere: Die Figuren wurden als blass und eindimensional kritisiert. Eine Teilnehmerin fragte sich, warum die Richterin so "verkindlicht" dargestellt wurde.
  • Fehlende Einzigartigkeit: Eine kritische Stimme meinte, das Buch biete keine neue Lektion und sei dem klassischen dystopischen Roman (à la *1984*) zu ähnlich. Der DNA-Plot sei im Grunde ein juristisches Problem, kein systemspezifisches.

 

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