Zusammenfassung der Buchclub-Diskussion: „Gym“ von Verena Kessler
Allgemeine Eindrücke & Bewertungen
Die Meinungen waren gemischt, tendierten aber insgesamt zu einer
positiven bis mittelmäßigen Bewertung. Die vergebenen Punkte lagen meist
zwischen 5 und 9 (auf einer 10er-Skala).
·
Lesbarkeit &
Tempo: Es gab einen
starken Konsens, dass das Buch außergewöhnlich gut und schnell lesbar ist. Eine
Person sagte: „Ich habe es innerhalb von zwei Tagen durchgelesen“. Das rasante
Tempo und die schnellen Kapitelwechsel wurden durchweg gelobt.
·
Das „erste vs. zweite
Hälfte“-Problem: Dies war der
zentrale Kritikpunkt. Fast alle fanden die erste Hälfte brilliant, witzig und
mitreißend. Mehrere Teilnehmer fanden jedoch, dass das Buch in der zweiten
Hälfte, in der der „Body Horror“-Teil richtig beginnt, deutlich an Qualität
verloren hat. Eine Person sagte: „Da finde ich, hat das Buch an Qualität
genommen“.
·
Das Ende: Das offene bzw. ungewisse Ende wurde kontrovers
diskutiert.
o Einige fanden es gelungen, da man die Konsequenzen ihres „crazy
Behaviors“ sehe.
o Andere waren frustriert. Eine Person merkte an, dass man nicht
einmal merke, dass das Buch zu Ende sei. Eine andere Teilnehmerin zitierte
Somerset Maugham („eine Geschichte ohne Ende ist keine wirkliche Geschichte“)
und kritisierte, dass manche Handlungsfäden (z. B. mit dem Verlobten) einfach
fallen gelassen würden.
Figuren & Erzähltechnik
·
Die namenlose
Protagonistin: Spät im Gespräch
fiel mehreren auf, dass die Hauptfigur keinen Namen hat. Das wurde als stilistisches
Mittel interpretiert, um sie universeller oder entpersönlichter wirken zu
lassen.
·
Sympathie &
Distanz: Die Gruppe sah
die Protagonistin weder als reine Sympathieträgerin noch als Schurkin, sondern
als faszinierende, beunruhigende Fallstudie. Ihre ständigen Lügen erzeugten von
Anfang an ein „sehr komisches Gefühl“.
·
Die treibende Kraft:
Konkurrenzdenken: Die Gruppe
analysierte, dass es der Protagonistin nicht wirklich um ein perfektes Aussehen
geht, sondern um ein pathologisches Konkurrenzdenken. Sie „will die
Beste sein – in was für einer Kategorie auch immer“. Dieses Muster verfolgt sie
vom Job über das Fitnessstudio bis in die Psychiatrie.
·
Unzuverlässige
Erzählerin: Die Teilnehmer
erkannten, dass die Protagonistin eine unzuverlässige Erzählerin ist. Es bleibt
offen, ob Konflikte (z. B. mit der Kollegin wegen einer PowerPoint-Folie) real
sind oder nur in ihrer extremen Leistungsparanoia existieren.
Zentrale Themen
·
Gesellschaftskritik
vs. individuelle Psychose: Es entstand eine
lebhafte Debatte darüber, ob das Buch in erster Linie eine kranke Person oder
eine kranke Gesellschaft kritisiert. Der Konsens war: Beides. Während die Figur
eine klare Persönlichkeitsstörung hat, treiben sie die konkurrenzgetriebenen
Strukturen ihrer Arbeitswelt und die Fitnessbranche in den Wahnsinn. Eine
Teilnehmerin brachte es auf den Punkt: „Der eigentliche Treiber ist diese
Krankheit, die sich aus der Leistungsgesellschaft gebildet hat“.
·
Feminismus und
patriarchale Strukturen: Dieses Thema
löste die intensivste Diskussion aus.
o Der „feministische“ Chef: Die Figur des Ferhat (der Fitnessstudiobesitzer, der sagt
„Ich bin Feminist“) wurde als Paradebeispiel für performative Solidarität
analysiert. Er benutzt feministische Sprache, übt aber patriarchale Kontrolle
aus.
o Systemischer Sexismus im Beruf: Mehrere Teilnehmerinnen verknüpften das Buch mit eigenen
Erfahrungen. Eine ehemalige Lehrerin berichtete, wie Männer im Schuldienst
bevorzugt wurden. Eine andere, die in der Wirtschaft arbeitet, schilderte den
enormen Druck auf Frauen, ihre Kompetenz ständig beweisen zu müssen, während
Männern eher geglaubt werde.
·
Vergleich mit „Die
Vegetarierin“ von Han Kang: Ein sehr
interessanter Vergleich wurde gezogen. Beide Bücher handeln von einer Frau, die
durch die extreme Befolgung einer gesellschaftlichen Norm (kein Fleisch essen /
exzessives Bodybuilding) „verrückt wird“. Die Gruppe befand jedoch, dass „Die
Vegetarierin“ deutlich komplexer sei, da sie mehrere
Perspektiven biete.
Konkrete Szenen & Beobachtungen
·
Körperhorror &
Ekel: Die expliziten
Beschreibungen des Bodybuildings – darunter das Essen von rohem Fleisch, Leber
sowie die Auswirkungen von Steroiden – wurden als sowohl effektiv als auch
abstoßend empfunden. Ein Mitglied erwähnte, dass ihr bei der Szene mit der
Leber übel geworden sei.
·
Die Rolle der
Steroide: Die Gruppe
diskutierte, ob die Steroide die Ursache für ihren endgültigen Zusammenbruch
waren oder ob sie nur ein weiteres „Werkzeug zum Erfolg“ in ihrem Arsenal
darstellten – ähnlich wie das Schlafen mit ihrem Chef für eine Beförderung in
ihrer früheren Karriere.
· Queerer Subtext: Einige Teilnehmerinnen sahen einen möglichen queeren Subtext in der obsessiven Faszination der Protagonistin für die Bodybuilderin Vicky, die über eine reine Rivalität hinausging.

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